Am 25. September 2025 sprachen bei den Wiener Elektro Tagen Vertreter aus Energie, Mobilität, Technologie und Forschung über bidirektionales Laden. Ein Thema, das in den kommenden Jahren einen massiven Einfluss auf das Energiesystem haben wird.
Ich hatte die Gelegenheit, den Talk zu moderieren. Das gemeinsame Fazit: Elektroautos werden in Zukunft nicht nur fahren, sie werden Speicher, Netzstabilisatoren und flexible Bausteine der Energiewende.
Technologisch betrachtet ist der Ansatz vergleichsweise einfach: Elektroautos mit bidirektionaler Ladefähigkeit können über spezielle Wallboxen und ein Energiemanagementsystem entweder Strom aus dem Netz beziehen oder in umgekehrter Richtung einspeisen. Dadurch entsteht ein flexibles System, das Lastspitzen reduzieren, Eigenverbrauch optimieren und erneuerbare Energie besser nutzbar machen kann.
Am Podium am Rathausplatz in Wien kamen Expertinnen und Experten aus Energiewirtschaft, Technologie, Mobilitätsdienstleistung und Forschung zusammen, die sich seit Jahren mit den praktischen und systemischen Fragen der Elektromobilität beschäftigen.
Podiumsgespräch bei den Wiener Elektro Tagen 2025. Quelle: Porsche Media & Creative
Als Moderator durfte ich mit ihnen darüber sprechen, wie sich bidirektionales Laden vom technologischen Konzept hin zu einer realistischen Anwendung entwickelt – und welche Voraussetzungen es braucht, damit Elektrofahrzeuge künftig nicht nur Mobilität ermöglichen, sondern auch aktiv zum Energiesystem beitragen.
Elektroautos als Teil des Energiesystems
Aus Energie-technologischer Sicht ist der gesellschaftliche Nutzen ausgesprochen hoch. Elektrofahrzeuge stehen im Durchschnitt mehr als 20 Stunden pro Tag ungenutzt. In dieser Zeit können sie als Zwischenspeicher dienen und damit Aufgaben übernehmen, die heute oftmals teuren Batteriespeichern oder Pumpspeicherkraftwerken vorbehalten sind.
Die Forschung verweist darauf, dass die Speicherkapazität einer wachsenden Elektroflotte in Summe das Potenzial traditioneller Großspeicher deutlich übertreffen kann, vorausgesetzt die Systeme arbeiten interoperabel und rechtlich eindeutig geregelt.
Bidirektionales Laden – oft auch als Vehicle-to-Home (V2H) oder Vehicle-to-Grid (V2G) bezeichnet – ermöglicht es, Elektroautos nicht nur aufzuladen, sondern auch wieder Strom abzugeben.

Video: Auf den Play-Button klicken, um das Video zu starten. Quelle: ÖAMTC
Das Elektrofahrzeug als mobile Batterie
Das Elektrofahrzeug wird dabei zu einer mobilen Batterie: Es kann Energie zwischenspeichern und sie bei Bedarf wieder abgeben – etwa an das eigene Haus oder perspektivisch auch an das öffentliche Stromnetz.
Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es im Kern drei Bausteine: ein Fahrzeug mit bidirektionaler Ladefähigkeit, eine Ladeinfrastruktur, über die Strom in beide Richtungen fließen kann, sowie ein Energiemanagementsystem, das Einspeisung und Laststeuerung intelligent koordiniert.
In anderen Teilen der Welt ist dieses Prinzip bereits Realität. In Japan etwa werden sogenannte Vehicle-to-Home-Lösungen seit Jahren serienmäßig genutzt, unter anderem bei Modellen von Nissan. In Europa steht der breite Markteintritt vergleichbarer Systeme kurz bevor. Mehrere Hersteller, darunter Volkswagen, Mercedes und BMW, haben angekündigt, entsprechende Anwendungen ab Mitte des Jahrzehnts in den Markt zu bringen.
Quelle: ÖAMTC / Renault Group
Was auf den ersten Blick technisch überschaubar wirkt, hat auf Systemebene weitreichende Folgen. Wenn viele Elektroautos bidirektional betrieben werden, entstehen Millionen dezentraler Speicher. Sie können erneuerbare Energie aufnehmen, wenn sie im Überfluss vorhanden ist, und sie dann bereitstellen, wenn sie gebraucht wird.
Damit verändert sich nicht nur die Rolle des Fahrzeugs, sondern auch das Zusammenspiel von Mobilität, Energieversorgung und digitaler Steuerung grundlegend.
Genau diesen Wandel machten die Expertinnen und Experten beim Panel deutlich: Weltweit befinden sich ganze Branchen in Transformation. Mobilität, Energie und Digitalisierung wachsen zunehmend zu einem integrierten System zusammen – und Österreich steht mitten in dieser Entwicklung.
Wie sich Energie- und Mobilitätsbranche verändern
Lange Zeit stand in der Energiewirtschaft vor allem eines im Mittelpunkt: die verlässliche Bereitstellung von Strom. Dieses Verständnis verändert sich derzeit grundlegend. Energieunternehmen denken zunehmend in flexiblen Systemen, in denen Erzeugung, Speicherung und Verbrauch nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden, sondern dynamisch zusammenspielen.
Bidirektionales Laden verbindet Stromerzeugung, Speicher und Mobilität zu einem flexiblen Energiesystem. Quelle: ÖAMTC / Renault Group
Im Zuge dieser Entwicklung gewinnen Konzepte wie virtuelle Kraftwerke, Energiegemeinschaften und intelligentes Lastmanagement an Bedeutung. Sie ermöglichen es, erneuerbare Energie besser zu nutzen, Schwankungen auszugleichen und bestehende Netze effizienter zu betreiben. Bidirektionales Laden fügt sich genau in dieses neue Denken ein, weil Elektrofahrzeuge zusätzliche Flexibilität ins System bringen.
Ein Energieversorger wie VERBUND versteht sich dabei längst nicht mehr ausschließlich als Stromlieferant, sondern zunehmend als Koordinator komplexer Energiesysteme. Ziel ist es, erneuerbare Erzeugung, stationäre Speicher, flexible Verbraucher und künftig auch Fahrzeugflotten so zu vernetzen, dass sie gemeinsam zur Stabilität des Energiesystems beitragen.
Wir verbinden erneuerbare Erzeugung, Speicher, flexible Verbraucher und jetzt auch Fahrzeugflotten in virtuellen Kraftwerken, um zusätzliche Flexibilitäten zu schaffen.
Martin Wagner
Managing Director bei VERBUND Energy4Business GmbH
Solche Modelle werden bereits im gewerblichen Umfeld erprobt und gelten insbesondere für Unternehmen mit größeren Fahrzeugflotten oder Immobilien mit eigener Photovoltaikanlage als vielversprechend. Dort kann bidirektionales Laden helfen, Eigenverbrauch zu erhöhen, Lastspitzen zu reduzieren und Energie gezielt dort einzusetzen, wo sie gerade benötigt wird.
Forschung und Systeminnovation als Treiber
Aus Sicht von Forschung und Systemplanung gilt bidirektionales Laden als ein zentraler Hebel der Energiewende. Die Technologie ermöglicht es, mehrere Ziele gleichzeitig zu erreichen: Erneuerbare Energie kann effizienter genutzt werden, Stromnetze werden stabiler, Lastspitzen lassen sich reduzieren und der Bedarf an kostspieligem Netzausbau sinkt. Gleichzeitig trägt das System dazu bei, CO₂-Emissionen zu verringern, weil Energie dann genutzt wird, wenn sie tatsächlich verfügbar ist.
Für Kurt Leonhartsberger, Geschäftsführer der impeect GmbH und Mitbegründer der V2G Alliance Austria, liegt darin der entscheidende Mehrwert: „Bidirektionales Laden ist das fehlende Puzzlestück der Energiewende. Das Elektroauto wird zu einem mobilen Stromspeicher und zur Erlösquelle statt zum Kostenfaktor.“ Aus seiner Sicht verändert sich damit die Rolle des Fahrzeugs grundlegend – weg vom reinen Fortbewegungsmittel, hin zu einem aktiven Bestandteil des Energiesystems.
Mobilität als energieaktives System
Auch der Mobilitätssektor befindet sich in diesem Zusammenhang im Wandel. Dienstleister betrachten Elektrofahrzeuge zunehmend nicht mehr nur als Transportmittel, sondern als energieaktive Elemente eines intelligenten Gesamtsystems. Das erhöht nicht nur die Netzstabilität, sondern eröffnet auch neue wirtschaftliche Perspektiven für Haushalte und Unternehmen.
Marcella Kral vom ÖAMTC verwies im Panel besonders auf die Alltagstauglichkeit dieser Entwicklung. Nutzerinnen und Nutzer sollen künftig nicht permanent Entscheidungen treffen müssen. Ziel seien Lösungen, die automatisiert funktionieren und sich an den tatsächlichen Bedarf anpassen. „Einstecken, parken – den Rest erledigt das System“, brachte sie den Anspruch auf den Punkt.
Was bidirektionales Laden im Alltag bedeutet
Für private Haushalte lässt sich der Nutzen vergleichsweise einfach erklären. Überschüssiger Strom aus einer Photovoltaikanlage kann tagsüber im Fahrzeug gespeichert werden. Abends, nachts oder bei schlechtem Wetter wird diese Energie wieder dem Haus zur Verfügung gestellt.
Dadurch sinkt der Bezug aus dem öffentlichen Netz, Lastspitzen werden vermieden und Stromkosten können reduziert werden. Perspektivisch ist auch eine Rückspeisung ins Netz möglich – verbunden mit einer finanziellen Vergütung.
Alltagseffekt von bidirektionalem Laden für private Haushalte. Quelle: ÖAMTC
Nutzen für Unternehmen und Flotten
Für Unternehmen ergeben sich zusätzliche Anwendungsfelder. Elektrofahrzeuge in Firmenflotten können zu Energiespeichern werden, intelligente Ladestrategien erhöhen die Eigenversorgung, und Parkflächen entwickeln sich zu regelrechten Energieknotenpunkten.
Ein zentraler Vorteil liegt in der Planbarkeit: Lastspitzen lassen sich gezielt steuern, was besonders für Betriebe mit hohem Energiebedarf relevant ist.
Pilotprojekte zeigen, dass sich in vielen Fällen deutliche Einsparungen erzielen lassen, wenn Fahrzeuge systematisch geladen und entladen werden. Voraussetzung ist allerdings ein durchdachtes Energiemanagement und die Einbindung in bestehende Infrastruktur.
Quelle: ÖAMTC / BMW
Technische Voraussetzungen und offene Standards
Damit bidirektionales Laden in die Breite kommt, müssen Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur, Messsysteme und Software reibungslos zusammenspielen. Genau dieses Zusammenspiel gilt derzeit als eine der größten Herausforderungen.
Hersteller wie KEBA entwickeln Ladeinfrastruktur, die bidirektionale Energieflüsse unterstützt und gleichzeitig auf Alltagstauglichkeit ausgelegt ist. Aus Sicht von Stefan Richter von der KEBA Group ist Interoperabilität dabei der entscheidende Faktor. „Das System funktioniert dann, wenn alle Komponenten sicher und in beide Richtungen kommunizieren können“, sagte er im Panel.
Noch seien nicht alle Fahrzeuge und Ladestationen miteinander kompatibel. Es brauche offene Standards und verlässliche Protokolle, damit Systeme unterschiedlicher Hersteller zusammenarbeiten können.
Das Elektroauto als Stromspeicher im bidirektionalen Ladesystem. Quelle: ÖAMTC
Rechtlicher Rahmen und Ausblick
Neben technischen Fragen ist auch der rechtliche Rahmen noch in Entwicklung. Diskutiert werden unter anderem die Vergütung eingespeisten Stroms, steuerliche Aspekte, Mess- und Abrechnungsmodelle sowie Fragen des Datenschutzes und der Netzverantwortung. Auf europäischer Ebene wird derzeit an entsprechenden Regelwerken gearbeitet.
Die Einschätzung der Expertinnen und Experten am Podium ist vorsichtig optimistisch: Erste marktreife Anwendungen werden ab 2026 erwartet. Die breite Umsetzung im Alltag dürfte sich zwischen 2026 und 2028 etablieren – abhängig von Regulierung, Standardisierung und Akzeptanz.
Akzeptanz, Vertrauen und gesellschaftlicher Mehrwert
Ein zentrales Thema der Diskussion war die Frage nach Akzeptanz und Vertrauen. Wie lassen sich mögliche Sorgen von Kundinnen und Kunden abbauen – etwa in Bezug auf technische Komplexität, zusätzlichen Aufwand oder die Lebensdauer der Fahrzeugbatterie?
Die Antwort der Expertinnen und Experten fiel klar aus: Bidirektionales Laden soll sich nicht wie eine technische Zusatzaufgabe anfühlen, sondern wie ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.
Bild: Markus Katzer, Kurt Leonhartsberger und Moderator Jürgen Winterleitner. Quelle: Porsche Media & Creative
Intelligente Lademanagementsysteme übernehmen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sorgen dafür, dass das Fahrzeug nur dann Energie abgibt, wenn ausreichend Kapazität vorhanden ist, und stellen sicher, dass Mobilitätsbedürfnisse jederzeit gedeckt bleiben.
Für Nutzerinnen und Nutzer bedeutet das: einstecken, parken – das System regelt den Rest. Ähnlich wie bei modernen Heiz- oder Speichersystemen soll die Technik im Hintergrund arbeiten, ohne ständige Eingriffe zu erfordern.
Was auf den ersten Blick wie ein spezialisiertes Technologiethema wirkt, hat darüber hinaus eine deutlich größere gesellschaftliche Dimension. Bidirektionales Laden ermöglicht erstmals, dass Privathaushalte und Unternehmen aktiv Teil des Energiesystems werden, statt ausschließlich als Verbraucher aufzutreten.
Erneuerbare Energie kann effizienter eingespeist und genutzt werden, Netze müssen weniger stark ausgebaut werden, und die Energieversorgung wird insgesamt widerstandsfähiger – insbesondere in Krisensituationen.
Quelle: ÖAMTC / Renault Group
Ein Blick nach vorne
Beim Ausblick auf die kommenden Jahre herrschte am Podium weitgehend Einigkeit. Die entscheidenden Schritte werden in den nächsten drei bis fünf Jahren gesetzt. Die Industrie treibt die Markteinführung entsprechender Fahrzeuge und Ladeinfrastruktur voran, Energieunternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle, und Pilotprojekte liefern bereits heute belastbare Erkenntnisse aus der Praxis.
In der nächsten Phase dürfte bidirektionales Laden zunächst im privaten Bereich über Vehicle-to-Home-Anwendungen ankommen. Anwendungen auf Netzebene – etwa Vehicle-to-Grid für Flotten, Gewerbebetriebe oder Energiegemeinschaften – werden folgen. Parallel dazu entstehen Modelle, bei denen Haushalte für ihre bereitgestellte Flexibilität vergütet werden. Ladeinfrastruktur entwickelt sich damit vom Innovationsprodukt zum Standardbestandteil moderner Gebäude.
Damit verändert sich auch die Rolle des Fahrzeugs. Das Elektroauto wird nicht nur nachhaltiger, sondern auch wirtschaftlich relevanter. Es trägt zur Versorgungssicherheit bei, senkt langfristig Infrastrukturkosten, erhöht den Anteil erneuerbarer Energien und stärkt die Resilienz des Energiesystems.
Die Zukunft der Elektromobilität
Diese Podiumsdiskussion bei den Wiener Elektro Tagen 2025 hat einmal mehr deutlich gemacht: Die Zukunft der Elektromobilität entscheidet sich weniger an Reichweiten oder Ladegeschwindigkeiten als an der Frage, wie gut Fahrzeuge in ein gesamthaftes Energiesystem eingebunden werden.
Mobilität, Energie und Digitalisierung wachsen zunehmend zusammen. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob bidirektionales Laden kommt – sondern wie schnell es gelingt, die technischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.
Weiterführende Links:
🔗 ÖAMTC: Elektromobilität & Ladeinfrastruktur in Österreich
🔗 Fraunhofer ISE: Vehicle-to-Grid Technologies
🔗 Internationale Energie Agentur (IEA): Global EV Outlook & V2G Integration
🔗 Verbund
🔗 FH Technikum Wien: Energiegemeinschaften & Dezentralisierung
🔗 Technische Universität Delft (NED): Smart Charging & Vehicle-to-Grid
Video-Rückblick: Wiener Elektro Tage 2025
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